Das neue Magazin vom Stern
Konrad
Der Mensch in der digitalen
Welt
Nr. 2. Nov. 1997
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»...An der Basis aber, dort beginnt es zu brodeln. Zwar sind erst
7,4 Prozent der deutschen Internet-User älter als 41 Jahre, während
inden USA mit 52,1 Prozent schon die Mehrheit stellen. Dank des der Allgegenwart
des Internets sind die User nicht mehr nur in den Metropolen, sondern auch
in der Provinz.
Einer jener virtuellen Altenclubs hat sich im niederrheinischen Nettetal gebildet, einer beschaulichen Ansiedlung nahe der Grenze zu den Niederlanden. Gründer des Clubs ist Ernst Cremers (...), ein rundlicher 76jähriger mit schier unerschütterlichem Humor. Cremers, passionierter Mundartdichter und ehemaliger |
Samtweber, ist in seiner Heimat berühmt für seine Rührigkeit. Seit Jahren hält er Vorträge in Altersheimen und Kirchengemeinden, immer mit dem Ziel, »die Menschen aus ihren Mauslöchern« zu holen. »Hier laufen doch Leute in meinem Alter herum, die sind schon seit fünf Jahren tot - nur - sie wissen es nicht«, sagt er.
| Getreu seinem Motto »Gesund ist man, wenn man geistig rege ist«, begann er vor zwölf Jahren, sich für die merkwürdigen Denkmaschinen zu interessieren. Als damals seiner Frau Gerda das Fahrrad geklaut wurde, fragte er den Händler, ob der zufällig noch die Rahmennummer wisse. | ![]() |
»Ja, die hab ich im PC«, sagte der Händler dem verduzten Cremers. »Da ging ich gleich in den Großmarkt und kaufte mir so'n Ding«, sagt er heute
999 Mark hat das Einstiegsmodell des damals 64jährigen gekostet. Fortan
tippte er seine Mundartgedichte in den PC, auch sein bislang berühmtetes
Werk, die niederrheinische Fassung der Kurzgeschichte »Die kleine Frau
Marbel« von Luise Rinser. Noch heute nutzt er seinen Computer
hauptsächlich zum Schreiben, »zu achtzig Prozent«, schätzt
er, »mit den restlichen zwanzig Prozent ärgere ich meine
Frau«.
In der Tat, Gattin Gerda ist nicht sehr glücklich über die Anwandlungen
ihres Mannes. Erst als ihr Sohn vor einiger Zeit eine E-Mail aus Singapur
schickte, da sah sie einen Sinn in der Sache. Den PC, den betrachte Ernst
Cremers als sein Hobby. »Andere gehen angeln«, sagt Ernst Cremers,
»jeder braucht ein Stück persönlichen Freiraum«. Da muß
selbst Gerda Cremers zustimmend nicken. Und schließlich haben die Cremers
dank diesem grauen Kasten »in drei Monaten mehr Post gekriegt als in
den letzten zehn Jahren zusammen«, E-Mail zwar, doch die kann auch Gerda
Cremers mittlerweile eigenständig senden und empfangen.
Einmal im Monat trifft sich Ernst Cremers mit Gleichgesinnten. Im Februar
1996 hatte er sieben Männer im Alter von 60 bis 82 in einem Nettetaler
Cafe' zusammengetrommelt, man plauderte über den Computer und dessen
Bedeutung für den gesetzteren Herrn. Mittlerweile zählen die
»Senior-PC-Freunde« Nettetal mehr als sechzig Mitglieder, darunter
auch ein Dutzend Frauen. Sie treffen sich monatlich im Gemeindesaal der
katholischen Pfarrgemeinde St. Sebastian, tauschen PC-Erfahrungen aus,
hören Vorträge von Fachleuten, trinken Kaffee, nehmen Gebäck.
Einen Verein aber, den möchte Ernst Cremers nicht gründen - obwohl
er von seinem Naturell her eigentlich Vereinsmensch wäre. Doch Cremers
gibt auf der Homepage der PC-Freunde in hehrem Tenor zu bedenken: »Der
ständige Aufwärtsrend wird darauf zurückzuführen sein,
daß man von jeder vereinsähnlichen Struktur absieht, da es sich
bei dieser neu zusammengefundenen Hobbygruppe überwiegend um Individualisten
handelt mit einer ausgeprägten geistigen Beweglichkeit handelt,
die im Ruhestand ihre Freiheit bewahren und sich nicht mehr in bestimmte
Regularien einbinden lassen wollen.«
Einer, den Cremers beim Formulieren dieser Worte wohl im Sinn hatte, ist Peter Radok (84), das Juwel der Gruppe. Ein zierliches, drahtiges Männlein mit blauen Augen. Zu den Treffen kommt Peter Radok immer mit einem Klapprad, das aussieht, als hätte es die Tauchbereitschaft der Duisburger Feuerwehr erst kürzlich vom Grund des Rheins geborgen. Radok liebt das Understatement.
| Zu Haus im Nettetal Vorort Dornbusch bewohnt er mit seiner 24 Jahre jüngeren Frau ein Bauernhaus aus dem Jahre 1708. Vor dreißig Jahren hat er es gekauft und mit Geschmack und Sachverstand renoviert und eingerichtet. Hier ist nix mit Butzenfenstern, Butterstampfern und Bierhumpen, hier wird nicht Vergangenes verklärt, hier wohnt Peter Radok.. An den Wänden hängen Dutzende von Werken des Worpsweder Malers Harm Lichte, einem Verwandten von Gattin Monika. Radok macht täglich Gymnastik. | ![]() |
Das sei schlicht dazu nötig, sagt er, um im hohen Alter noch ohne fremde Hilfe in die Hose und in die Schuhe zu kommen. Radok'sches Understatement.
Von Beruf war Peter Radok so allerlei, »es gibt nichts, was ich
nicht gemacht habe«, sagt er. Er lebte fast dreißig Jahre lang
in Australien und den USA, zuletzt arbeitete er in New York als Ingenieur
in der Textilbranche.. Seit 1967 nun lebt der gebürtige Berliner in
seinem Bauernhaus am Niederrhein und genießt seinen Ruhestand. Mit
60 hat Radok angefangen, Klavier zu lernen, mittlerweile spielt er
vierhädig mit sich selbst Mozarts Ouvertüre der »Entführung
aus dem Serail«. Die eine Hälfte nimmt er digital in den Speicher
seines PC's auf und spielt sie von dort ab, die andere spielt er live dazu
am Flügel. Mit 81 begann Peter Radok, Italienisch zu lernen, und
kürzlich kaufte er sich eine Videokamera und übt sich darin, am
PC Bilder digital zu bearbeiten. »Alles wird langweilig, außer
etwas Neues zu lernen«, sagt er. Der einzige nicht gestylte Raum des
Hauses ist Radoks Arbeitszimmer. Dort stehen PC, Keyboard, Kamera, Modem
und allerlei Laufwerke zwischen unzähligen Kartons mit Disketten und
CDs, umgeben von englischsprachiger Fachliteratur. Viele Stunden verbringt
der neugierige Alte hier täglich, »manchmal sitze ich bis vier
Uhr morgens«, sagt er schmunzelnd.
Zu seinem PC hat Peter Radok ein eigenes Verhältnis. »Der Computer
ist ein allwissender Freund, der nie ungehalten ist, der zu jeder Zeit versucht
zu antworten und der obendrein das schönste Spielzeug ist, was je erfunden
wurde«, sagt er. Weiß der Teufel, ob er es ernst meint.
-...«
(Michael Herl, 37, ist freier Journalist und lebt in
Frankfurt. Für »Konrad1« schrieb er über Deggendorf.
Veit Mette, 36, lebt in Bielefeld. Für »Konrad« fotografierte
er die »Generation«.)