Kölner Stadt Anzeiger  -   16./17. Mai 1998


Ahnenforschung und Alterzucker
Noch sind sie eine Minderheit - Senioren surfen durchs Internet, sammeln Informationen und schließen online Freundschaften
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Eine Reportage von Sigrid Schulze, Bild: Daniela Hartmann

Mitternacht. Es scheint, als seien die Bürgersteige im Viersener Vorörtchen Dornbusch bereits seit Stunden hochgeklappt. Alle schlafen - alle außer Peter Radok. Er knipst gerade die Schreibtischlampe an, schaltet seinen Computer an, wählt sich ins Internet ein und ab geht's - voller Tatendrang durchs World Wide Web. Erst tauscht er sich mit Computerfreaks in Toronto aus, dann schreibt er seinen Söhnen in den USA und England eine E-mail, später wird er die Witze sortieren, die er auf seiner Homepage sammelt. Peter Radok ist 83 Jahre alt.

Im Alter neuen Medien gegenüber derart aufgeschlossen zu sein, ist ungewöhnlich. Bislang nur drei Prozent der über 55jährigen einen eigenen PC., gibt Jürgen Rüttgers, Bundesminister für Bildung, bekannt. Nur ein Bruchteil dieser ohnehin kleinen Gruppe verfügt über einen Internet-Anschluß. Die Berührungsängste sind hoch. Dabei bietet gerade da Internet älteren Menschen viele interessante Möglichkeiten.

"Man kann seinen Hobbys besser nachgehen", nennt Radok eine davon. Und dazu habe man im Alter mehr Zeit als je zuvor. Er ruft die Homepage der "Senior-PC-Freunde Nettetal" auf,  einer losen Zusammenkunft von älteren PC-interessierten Menschen, der auch er angehört. Dann zeigt er auf ein Foto auf dem Bildschirm: "Sehen Sie, der hier betreibt Ahnenforschung, der andere sammelt Münzen und dieser interessiert sich für die Börse."

Radok selbst interessiert sich für Programmiersprachen. Bücher wie "Programmiersprache C" und "Lösungen mit Access liegen auf seinem Schreibtisch. Ein Stubenhocker ist er dennoch nicht - jeden Tag fährt er auf seinem alten Rad durch die niederrheinische Landschaft. Viele andere seines Alters können das nicht mehr. Sie könnten sich aber mit Hilfe des Internets die Welt bequem nach Hause holen.

Darüber hinaus bietet Online-Kommunikation einen besonderen Reiz, den auch Peter Radok zu schätzen weiß: Via Internet ist sein Freund in Amerika genauso erreichbar wie der PC-Freund aus Nettetal. Radok hat schon viele Leute kennengelernt: manch einer hat später an seiner Haustür geschellt. Sicher der Austausch mit anderen im Netz ersetzt keinen hautnahen Kontakt mit Menschen zum Anfassen. "Aber besser elektronische  Kommunikation, als gar keine Kommunikation" - so bringt es  der Projektleiter des SeniorWebs, Wilhelm Vollman, seine pragmatischen Überlegungen auf den Punkt. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Pschologischen Instituts, Bereich Altersforschung, der Universität Bonn. "Wir wollen älteren Menschen moderne Kommunikation erschließen!" erklärt Vollmann das Ziel des Projektes namens SeniorWeb, das ein "joint venture" zwischen der Universität Bonn und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organistionen (Bagso) ist. "Es darf nicht sein, daß eine Bevölkerungsgruppe außen vor bleibt".

Zu denen wird Peter Radok sicher nicht zählen. Er kennt sich aus. Und damit sich auch andere auskennen, steht er ihnen mit Rat und Tat zur Seite.

Drei Uhr. Die Zeit ist für Peter Radok wie im Fluge vergangen. Drei Stunden lang war die große weite Welt zu Gast in Dornbusch. Er knipst das Licht aus. "Der Computer ist das schönste Spielzeug", findet er.
(Reportage leicht gekürzt)



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