Rheinische Post


RHEINISCHE POST     BIT,  BYTE,  MEGABYTE   Dienstag, 20.Januar 1998
Der Club der PC-Senioren aus Nettetal
Alt und doch kein bißchen altmodisch

Toni Pollen und Ernst Cremers (von rechts)  gründeten 1996 die »Senior-PC-Freunde Nettetal«. Der  84jährige Peter Radok (links), auch das »Lexikon« genannt, läßt sich furchtbar gern über Computer befragen.

Von ERIK FELSKE
Das Fahrrad von Peter Radok sieht aus, als hätte es 30  Sommer und 30 Winter an seinem Haus in Dornbusch gelehnt. Neulich war der 84jährige mit seinem mal wieder im Flachland rund um Nettetal  unterwegs, da fuhr plötzlich ein Linienbus ganz langsam neben ihm. Die vordere Tür sprang auf, und der Fahrer rief: »Hallo, habe ich Sie nicht gestern im Fernsehen gesehen?« Radok nickte freundlich und strampelte weiter. So etwas war ihm noch nie passiert.
Wundern kann es ihn allerdings auch nicht ernsthaft. Vier Stunden drehte der WDR in seinem Arbeitszimmer zwischen PC, Kamera, Modem, allerlei Laufwerken und unzähligen Disketten. Die Medien fliegen auf den alten Mann, der seine Umwelt verblüfft, weil er zwar alt, aber keineswegs altmodisch ist. Radok blickt konsequent in die Zukunft, hinter ihm liegt ein bewegtes Leben: in Berlin geboren, knapp 30 Jahre in Australien und denUSA gelbt, zuletzt als Textilingenieur in New York gearbeitet, 1967 mit seiner  24 Jahre jüngeren Frau in ein Bauernhaus am Niederrhein gezogen, weil »ich in der Mitte Europas leben wollte«.
Ein Jahr später kaufte er sich seinen ersten Computer, begann darauf Klavier zu lernen und spielt mittlerweile viehändig »mit sich selbst«. Den Part hat er in seinem PC gespeichert, den anderen spielt er live dazu. Oft nimmt er seine Übungen auf und sucht mit Hilfe des Rechners nach Fehlern. »Der Computer ist das schönste Spielzeug, das ich je gesehen habe«, sagt Radok.
E-MAIL als Lebenselexier
Im Internet fühlt sich der drahtige Mann mit den blauen Augen schon lange zu Hause, E-Mails zu schreiben ist für ihn so gewöhnlich wie telefonieren. »Meine Verwandten sind über den ganzen Erdball verteilt. Da ist das wirklich praktisch.« Elektronischer Briefwechsel, wie zuletzt mit einem Informatikstudenten, sind Radoks Lebenselexir. »Da spielt das Alter keine Rolle, da geht es nur um die Sache.« Zur Zeit beschäftigt sich der Senior mit Programmiersprachen, den einfachen Computeranwendungen kann er nicht viel abgewinnen.. »Ich kauf' mir den Ferrari und fahr' nicht damit. Ich schau' lieber rein.«

Ernst Cremers fährt den Ferrari lieber. Seit einigen Jahren schon tippt der 75jährige seine Mundartgedichte in den PC statt in eine klapprige Schreibmaschine.. Cremers ist ob seiner Texte im Raum Nettetal bekannt wie ein bunter Hund. Er tritt in Altenheimen und Kirchengemeinden auf, »um die Menschen aus ihren Mauselöchern zu holen«. Sich selbst attestierte er einen »gewissen sozielen  Touch«. Gewiss eine Untertreibung: Als sein Nachbar und Freund Toni Pollen (63) nach einem bewegten Arbeitsleben als Gewerkschaftssekretär pensioniert wurde und »in ein ganz tiefes seelisches Loch fiel«, motivierte ihn Cremers, sich doch einen Computer anzuschaffen. Mittlerweile hilft Pollen (»Ich hatte es satt, Kreuzworträtsel zu lösen«) bei seinem Sohn in der Firma aus und kommt auf ganz moderne Ideen: Zuletzt richtete er seiner Frau ein Haushaltsbuch auf dem PC ein.
Ernst Cremers steckte noch mehr Menschen an. 1996 gründete er zusammen mit Pollen die »Senior-PC-Freunde Nettetal«, um seinenAltersgenossen eine »Flucht aus der Einsamkeit« zu ermöglichen. Eine Idee mit Folgen. Nach zwei Jahren zählt der Club 60 Mitglieder, darunter 12 Frauen. Cremers: »die älteste ist 74 und hat noch gar keinen Computer. Das sind mir die liebsten.«

Wandelndes Lexikon
Die »PC-Senioren« treffen sich einmal im Monat im Pfarrzentrum »Die Brücke«. Star der Truppe ist - wie könnte es anders sein - Peter Radok. Die anderen nennen ihn »unser Lexikon«, was ihn mit Stolz erfüllt. Trotz seiner gehobenen Ansprüche am PC fühlt er sich in diesem Kreis pudelwohl, »weil ich der Gesellschaft meiner Altersgenossen entfliehen kann«. Außerdem läßt sich Radok »furchtbar gerne fragen« und weil er zwar klug, aber kein Klugscheißer ist, lassen die Leute sich von ihm helfen. »Sie wollen die Dinge altersfreundlich erklärt haben. Und das kann ich«, sagt er.
Ein Verein soll aus den »PC-Freunden« nie werden. »Wir sind alles Individualisten«, sagt Cremers mit Blick auf seinen Kumpel Peter Radok. Der nickt wieder freundlich und schwingt sich - um den Beweis anzutreten - auf sein steinaltes Klapprad. In zehn Minuten muß er in der Volkshochschule sein - zum Italienischkurs.



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